Landwirtschaft trifft Klimawandel
Die Folgen des Klimawandels und eine wachsende Weltbevölkerung stellen die Landwirtschaft vor immer größer werdende Herausforderungen. An der RPTU entwickeln Biologinnen und Biologen deshalb Strategien, die Nutzpflanzen effizienter werden lassen: Diese könnten – dank molekulargenetischer Kniffe – ...
Ekkehard Neuhaus auf dem Versuchsfeld der National Chung Hsing Universität (Taichung, Taiwan). Auf diesem Feld werden jährlich tausende individueller transgener Maniok-Pflanzen, unter natürlichen Umweltbedingungen, auf ihre Erträge hin untersucht.

Hitze, Dürre und viel Salz im Boden: RPTU-Forschende rüsten Nutzpflanzen gegen die Folgen des Klimawandels

Wie passen sich Pflanzen an veränderte Umweltbedingungen an? Mit welchen Strategien könnten sie dem Klimawandel trotzen? Forschende der RPTU wollen die damit einhergehenden Vorgänge verstehen. Und – um Nutzpflanzen gezielt züchterisch zu verbessern – auch beeinflussen.

Hitze, Dürre oder auch überraschende Fröste in einem zu warmen Frühjahr: Mehr und mehr setzen die Folgen des Klimawandels auch der Landwirtschaft zu. Forschende, Züchterinnen und Züchter weltweit analysieren, was dem entgegengesetzt werden könnte. Ein Ansatz: Nutzpflanzen genetisch so verändern, dass ihnen Trockenheit, hohe Temperaturen und andere – sich derzeit verändernde – Umweltbedingungen nichts ausmachen.

Professor Dr. Ekkehard Neuhaus, Leiter des Lehrstuhls Pflanzenphysiologie an der RPTU, beschäftigt sich intensiv mit genau dieser Herausforderung: „Um die Zusammenhänge zu verstehen, untersuchen wir zunächst, wie Pflanzen auf herausfordernde Umweltbedingungen reagieren. Das können auch Veränderungen aufgrund von Nährstoff-Verfügbarkeit oder der Lichtintensität sein.“ Pflanzen seien nun mal standortfest und können „einer Bedingung nicht entfliehen“, führt der Biologe zum Hintergrundwissen aus: „Um zu überleben, mussten sie daher Strategien entwickeln, um sich der Umwelt rasch und effektiv anzupassen.“

Gemeinsam mit seinem Team schaut sich Ekkehard Neuhaus insbesondere die Aktivität von Transportproteinen in pflanzlichen Zellen an. Gemeint sind jene Proteine, die helfen, beispielsweise Zucker über Membranen zu transportieren. „Konkret untersuchen wir den Ein- und Austransport an den verschiedenen Organellen in Pflanzenzellen.“ Denn, so erklärt es Ekkehard Neuhaus: „In einer pflanzlichen Zelle gibt es verschiedene Zellorganellen. Das muss man sich wie bei einer Wohnung vorstellen, die verschiedene Räume besitzt. Dort gibt es ja eine Küche, ein Badezimmer oder ein Arbeitszimmer, die jeweils spezifische Funktionen erfüllen. So hat in einer Zelle eben jedes Zellorganell eigene Aufgaben“. Eine seiner Forschungsfragen: Unter welchen Umweltbedingungen kommt einzelnen Transportprozessen an Zellorganellen eine besondere Bedeutung zu?

„Ungefähr zehn bis 20 Prozent aller Gene eines Organismus führen zur Produktion von Transportproteinen“

Keine unwesentliche Frage – denn Transportprozesse sind in allen Zellen zentral: „Ungefähr zehn bis 20 Prozent aller Gene eines Organismus führen zur Produktion von Transportproteinen. Wir wollen verstehen, wie diese Proteine arbeiten, wie sie organisiert sind und welche Funktionen sie im Stoffwechsel übernehmen“, präzisiert Neuhaus. Vor allem der Zucker- und Energiestoffwechsel ist für die Forschenden seiner Arbeitsgruppe von Interesse: „Zucker ist für Pflanzen enorm bedeutend und akkumuliert sehr markant unter Stressbedingungen in den Pflanzenzellen.“

Das Ziel seiner Forschung lasse sich einfach zusammenfassen: „Wir wollen verstehen, wie Pflanzen durch Änderungen der Transportvorgänge teilweise extreme Bedingungen ertragen und wie wir auf Basis dieses Wissens Nutzpflanzen gezielter züchterisch verbessern können."

Modell-Pflanze Zuckerrübe: Mehr Biomasse und höhere Erträge

Die Forschenden um Neuhaus arbeiten dazu an verschiedenen Nutzpflanzen, „wobei der Zuckerrübe seit Jahren eine besondere Bedeutung zukommt“. So haben sie das Zuckertransportprotein in den Wurzelzellen der Zuckerrübe identifiziert. Neuhaus: „Dieser Transporter ist dafür verantwortlich, dass sich Saccharose, also den Zucker, den wir im Haushalt und in der Nahrungsmittelproduktion benötigen, im Rübenkörper überhaupt anreichert.“

Und: „Die Zuckerrübe wird bei uns einjährig angebaut, obwohl sie im Grunde eine zweijährige Pflanze ist.“ Soll heißen: Grundsätzlich ist die Zuckerrübe in der Lage, im Spätsommer oder Herbst gesät zu werden, zu keimen und etwas heranzuwachsen, wobei jedoch die ausgeprägte Frostempfindlichkeit der gezüchteten Rübe das Überwintern in unserem Breiten verhindert. „Wenn es gelänge, die Forstempfindlichkeit der Zuckerrübe zu verringern, könnte man in den zweijährigen Anbau, wie beispielsweise bei Winterraps oder Wintergetreide üblich, übergehen, was zu einem entscheidenden Vorsprung zur Bildung von Biomasse, also mehr Zucker, führen wird. „Wir schauen uns dabei an, welche Gene für Transportproteine aktiv oder inaktiv sind und welche Zucker in den Zellorganellen erscheinen.“ Oder vereinfacht gesagt: Die Forschenden suchen nach Transportproteinen, die dabei helfen, die Kältetoleranz der Pflanze zu verbessern. Die entsprechende Nutzpflanze könnte daraufhin gezielter verändert werden, sodass ihr genau diese schützenden Verbindungen zur Verfügung stehen.

Klassische Züchtungsmethoden sind für die heutigen Anforderungen zu langsam

Mit klassischen Züchtungsmethoden komme man bei den heutigen Anforderungen nicht mehr hinterher, fasst es Ekkehard Neuhaus zusammen. „Denn dann dauert es zehn bis 15 Jahre, bis eine neue Pflanze auf den Markt kommt.“ Heute arbeitet man mit ausgewählten Genen, die man beispielsweise durch sogenannte Genscheren gezielt verändern kann. „Die modernden Ansätze erlauben ein schnelleres und gerichtetes Züchten.“ Es gehe bei seiner Arbeit auch um Patente, die er mit seinen Kooperationspartnern – unter anderem ein international führender Zuckerrüben-Saatguthersteller, entwickelt. „Genauer gesagt geht es um Patente für Gene, die zur Bildung dieser Transportproteine notwendig sind.“

Pflanzen mit höherer Salztoleranz

Ganz konkret mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt sich das Team um Neuhaus in einem weiteren Projekt: Als Modell-Pflanze dient hierbei ein Verwandter von Raps. „Auch hier untersuchen wir Transportproteine.“ Das Besondere: Die Modell-Pflanze weist bereits eine hohe Salztoleranz auf, man kann von ihr sozusagen lernen. Denn: „Eine Erhöhung der Außentemperatur, wie sie mit dem derzeitigen Klimawandel einhergeht, führt auch zu einer Versalzung von Böden, was Pflanzen stark schädigt und Erträge mindert." Seine Forschungsfrage hierbei ist: „Wie gewinnt man Pflanzen mit einer höheren Salztoleranz?“

„Biochemisch ist es herausfordernd mit dieser Proteinklasse zu arbeiten“

Was ist die größte Herausforderung bei seiner Forschung? „Wir arbeiten mit einer bestimmten Gruppe an Proteinen, den sogenannten Membranproteinen.“ Diese seien hydrophob, sie sind also nicht wasserlöslich. „Um diese Proteine biochemisch zu verstehen, müssen wir sie aus der Membran herausholen und anschließend in Vesikel bringen, damit sie aktiv bleiben.“ Dafür werden die Gene, die für eben jene Transportproteine kodieren, in Bakterien- oder Bäckerhefezellen überführt, damit diese sodann die Proteine in ausreichenden Mengen produzieren.

Mehr Stresstoleranz mithilfe von Proteinen der Alge Chlorella ohadii

Was ist als nächstes geplant? Im Rahmen eines Transregio-Sonderforschungsbereichs arbeitet Neuhaus mit seinem Team „und weitere exzellente RPTU-Pflanzenforscher und –forscherinnen“, wie er betont, mit Kolleginnen und Kollegen von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Humboldt-Universität Berlin, der Universität Bielefeld sowie dem Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam zusammen. „Dieser Transregio-SFB wurde im letzten Sommer, nach einer eingehenden wissenschaft­lichen Begutachtung, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für weitere vier Jahre verlängert“, erzählt der Professor stolz.  Es freue ihn ganz besonders, dass der in Kaiserslautern neu berufene Kollege Professor Haim Treves zukünftig auch Mitglied in diesem Konsortium ist: „Der aus Israel stammende Kollege bringt mit Chlorella ohadii ein Algensystem mit, das sehr belastendende Umweltbedingungen, wie extrem hohe Lichtintensitäten oder sehr starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, ertragen kann.“ Gemeinsam wollen die Forschenden nun ausgewählte Proteine dieser Alge in höhere Pflanzen einbringen, um zu analysieren, wie sich diese Veränderungen auf deren Stresstoleranz auswirken. Ekkehard Neuhaus betont: „So aufwändige Ansätze sind nur im Rahmen eines solch koordinierten Forschungsprojekts zu realisieren.“

Höhere Ernteerträge bei Maniok möglich machen

Doch damit nicht genug: Gemeinsam mit afrikanischen, amerikanischen, taiwanesischen und europäischen Partnern setzt Ekkehard Neuhaus auf die Nutzpflanze Maniok, um höhere Ernteerträge zu erreichen. Mit ihrer stärkehaltigen Knolle gehört Maniok, vor allem in den Tropen und Subtropen, zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. „Aus diesem Projekt ist bereits eine mittlerweile patentierte Maniokpflanze hervorgegangen, die unter Freilandbedingungen höhere Erträge aufweist.“ Die dazu notwendigen Feldversuche werden aktuell an der Universität in Taichung in Taiwan durchgeführt, „wo auf einem großen Feld tausende individueller transgener Maniokpflanzen kultiviert werden.“

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von Christine Pauli
Christine Pauli verfügt über langjährige Erfahrung als Wissenschaftsjournalistin und Projektmanagerin für Wissenschaftskommunikation – wirkte in diesen Funktionen bereits für renommierte Verlage, Nachrichtenagenturen, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Stiftungen. Parallel zu einer journalistischen Ausbildung war die studierte Biologin zuvor einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Biotechnologie und biomedizinischer Forschung tätig.

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